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In Extremo Live 2010
11.09.2010
PL - Plock, Plock Festival
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Kein Sturm hält uns auf!


An einem schönen warmen Sommertag im Jahre 2006 erwachte ich mit einer Vision, und hatte schlagartig gute Laune. Wasser, Sonne, alle meine Freunde, ein Straßencafe mit Bergen von Sahnetorten auf den Tischen und Schampus dazu! Mein Geburtstag stand nämlich an, noch dazu ein runder. Zunächst beschenkte ich mich gleich mal selbst, und kaufte eine Karte für das IN EXTREMO-Konzert in Lustenau, Österreich. Ich war noch nie dort gewesen.

Aber das geht mir ja ständig so mit IN EXTREMO-Konzerten.
Wasser, also. Ich hatte gehört, dass Lustenau am "alten Rhein" liegt. Was immer es mit diesem Gewässer auf sich hat, ich traute der Sache nicht. Der Bodensee! Weit entfernt war der nicht, lag praktisch auf dem Heimweg. Sofort suchte ich im Net nach einem geeigneten Gastronomiebetrieb, verschickte einen Stapel liebevoll gestalteter Einladungen und war es zufrieden. Meine Euphorie erlitt jedoch bald einen Dämpfer. Von "Mein Auto ist kaputt",
"Ich hab nen Hexenschuss" (Blöde Ausrede, der Mann soll doch nicht bei einem Umzug helfen...), bis "Mein Kind zahnt" oder, ganz direkt: "Hast du nen Knall? Ich fahre doch nicht 100 km für Kaffee und Kuchen!" reichte die Palette der Resonanzen. War mir egal. Ein paar Leute würden schon kommen!

Am 5.8.2006 wartete ich beseelt und voller Vorfreude in Landsberg am Lech auf meinen Zug. Jawohl, ich war so mutig. Ich reiste mit der Bahn. Und ich hatte alles im Gepäck, was man da so braucht: Nervenberuhigungsmittel, Wasservorräte, Unterhaltungsmedien... In Kaufbeuren stieg meine Freundin Ellen zu. Wir verbrachten eine schöne, lange Fahrt, zählten Milchkannen, und blickten immer wieder besorgt nach dem Himmel. Die erste schwarze Wolke platzte bereits auf halber Strecke. In Lindau schüttete es. Ein gemütliches Bähnchen tuckerte mit uns nach Österreich. In Lustenau verließen wir das Transportmittel und standen im
Regen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

"Wetten, wir sind zu früh ausgestiegen? Das is doch nur ein Güterbahnhof, oder so..."

Unwillkürlich drängten sich mir Bilder aus alten Western auf:Die morsche Schwingtür eines verkommenen Saloons ächzt im Wind, dürres, raschelndes Gras, ein rostiges Bahngleis dahinter, und Aug in Auge allein mit den unerbittlichen Naturgewalten...
"Nach rechts oder nach links?"

An dieser Straße ohne jegliches Hinweisschild hätten wir ebenso gut darüber würfeln können. Wir gingen nach links. Ein weiser Entschluss. Irgendwann kamen wir an eine Tanke und erfuhren, dass die eingeschlagene Richtung stimmte. Und wir erfuhren auch Näheres über die Lage des Ortes, den wir anstrebten. Wir rechneten nach, und entschieden uns für ein Taxi. Das Konzert wollten wir schließlich auf gar keinen Fall verpassen! Das Taxi kam tatsächlich. Wie einen rettenden Strohhalm umklammerte ich die Visitenkarte des Unternehmens.

Unser Zimmer erwies sich als gut getarnte Baustelle, da man zum Fenster hinausrauchen musste, mit einem hässlichen, tropfenden Gerüst vor der Nase.Endlich erfuhren wir vom Wirt auch weitere Details über die Lage des Festivalgeländes, weit außerhalb des Ortes, Richtung Bahnhof!! Das klang vertraut, und wir fühlten uns unversehens wie zuhause! Besser, man brach
sofort auf. Für einen echten Sportler nicht erwähnenswert, erschien uns der Fußmarsch irgendwann wie ein Abenteuerurlaub am Amazonas:

"Meinste, die Richtung stimmt noch?"
"Mir läuft das Wasser in die Schuhe."
„Hoffentlich gibts da was zu essen!"
"Komisch, kein Mensch weit und breit.Vielleicht ist das abgesagt worden..."
"Mensch, denk doch nicht immer gleich so negativ!"
"Siehste vielleicht irgendein Schild oder gar Plakat? Also ich nich..."

Nach langer, langer Zeit (Tierskelette, kreisende Geier, Sandsturm) kreuzte ein Trupp Jugendlicher (zu denen wir nicht mehr zählen) unseren Weg. Sie zogen einen mit Bierkisten beladenen Leiterwagen durch den Matsch. Sofort hatten wir einen Grundverdacht und folgten unauffällig. Immer mehr Gleichgesinnte in Regenjacken strömten herbei, und endlich lag es vor uns, das Festivalgelände! Das Ganze erinnerte an einen Truppenübungsplatz der Bundeswehr. Eingebettet in die Natur tollten fröhliche junge Menschen im Schlamm herum. Leute unseres Alters kommen da nicht umhin, an Woodstock zu denken. Es freute uns! Woodstock auf österreichisch lag in einer Art Kessel.

Erschöpft ließen wir uns auf einer Bank nieder, und peilten den Sachverhalt erst mal von oben. Nie mehr wieder sind in kürzester Zeit so viele Bierkisten an uns vorbei getragen, gezogen, gezerrt worden, soviel steht fest. Da saßen wir: Zwei betagte Frauen, zwei Regenschirme. Plötzlich waren wir zu dritt! Ein Knabe verließ fluchtartig seine kostbare Fracht, und quetschte sich schutzsuchend unter unsere Schirme. Es goss wie aus Kübeln. Als der Schauer nachließ, entwich er voller Dankbarkeit. Nun war ich zwar an der linken Körperhälfte durchnässt, aber sozial kompetent.

Eine Stunde später:
"Sechse. Viel zu früh."
"Wer spielt eigentlich gerade da unten?"
"Keine Ahnung. IN EXTREMO kommt mit Sicherheit sehr viel später. Das hier sind irgendwelche local heros."
"Also ich weiß nicht. Vielleicht sollten wir langsam mal reingehen!"
"Echt? Na, wenn du meinst..."

Am Einlass haben wir mit allem gerechnet. Nur nicht damit, dass unsere Schirme konfisziert wurden. Na gut, momentan regnete es gerade mal nicht. Ein Schweinepfuhl erschien luxuriös gegen den Morast, durch den wir der Bühne entgegen rutschten.
Es muss höhere Fügung gewesen sein - wenige Minuten später begann mein unvergesslichstes IN EXTREMO-Konzert! Und das will was heißen. Wir tranken vor lauter Begeisterung viel zu viel Bier. Und es hat keinen Tropfen geregnet. Ich war unfassbar glücklich. Das Bier hat mir auch gar nix ausgemacht. Ellen schon. Selig kauften wir Puck's Stand leer, strebten dem Ausgang zu, und - fühlten uns wie in einer Schirmfabrik! Ellen griff blind in die Tonnen, zog irgendwas raus. Es waren unsere Schirme, unglaublich! Jetzt an den "alten Rhein". Den neuen kannten wir ja. Nun wollten wir doch mal wissen, was es damit auf sich hat. Es war sehr romantisch. Während ich von IN EXTREMO träumte, kotzte Ellen in das liebliche Gewässer, und durchkreuzte schlagartig meine Pläne.

"Los, wir gehen jetzt was essen. Dann geht es dir gleich wieder besser!"
"Nee! Ich kann jetzt nix essen! Mir is schlecht!"
"Doch. Du musst!"
Irgendwann später stellte ein freundlicher Chinese zwei gigantische Mahlzeiten vor uns ab. Ich hab sie nicht alle beide geschafft. Auf dem Heimweg drückte ich Ellen einen Stein in die Hand:
"Das erdet. Wir haben schon ganz andere Sachen hingekriegt!"

Keine Ahnung, wann wir im Bett lagen, nach all den Serpentinen. (Der Chinese schenkte einen vorzüglichen Wein aus! Und um Mitternacht trank ich Schampus. Schließlich hatte ich Geburtstag!) Es regnete wieder. Ich weiß das, weil ich auf der "Baustelle" noch eine rauchte.

Am nächsten Morgen wurden wir von einer Trommel geweckt. Nee, nicht meine Davul. Es waren unsere Köpfe. Die Visitenkarte des Taxiunternehmens hat uns gerettet. Nach einem ergiebigen Frühstück, bestehend aus Aspirin und Kaffee, kehrten wir zum "Güterbahnhof" zurück, begleitet vom rhythmischen Klopfen des Regens. Es erschien alles sehr stimmig! In Lindau flohen wir vor dem Nass um die Mittagszeit in die Bahnhofskneipe.
Inzwischen konnten wir auch wieder einigermaßen geradeaus schauen. Und worauf fiel unser Blick? Gegenüber von uns betrachtete ein Japaner fasziniert die vor ihm liegende
Leberkässemmel. Ebenso staunend fixierte er das randvolle Weizenbierglas daneben.

"Würde mich nicht wundern, wenn er jetzt gleich die Kamera rausholt!"
"Na, so schlecht kann es dir nich mehr gehen. Du lästerst wieder!"
"Quatsch. Das wäre einfach nur typisch..."
Jäh unterbrach Ellen ihre philosophischen Betrachtungen. Ihr Blick wurde starr:
"Nee, das glaub ich jetzt nicht!"

Da saß er, der Japaner, die aufgeklappte Semmel fotografierend. Andächtig legte er den Deckel wieder drauf, drückte noch mal auf den Auslöser. Anschließend kam das Bierglas dran. So dringend hab ich noch nie aufs Klo gemusst. Und wahrscheinlich hatte auch noch niemand im Lindauer Bahnhofsklo einen Lachanfall. Und das an seinem Geburtstag. Ich konnte mich nicht mehr beruhigen.
Wir entschieden uns, besser zu gehen, suchten mein Sommer-Sonne-Wasser-Schampus-Straßencafe. Zum Glück gab's auch einen trockenen Innenraum. Wir stopfen unsere Schirme in den Kübel. Der zwanzigste Kaffee. Niemand kam.

"Biste sicher, dass wir hier richtig sind?"
"Klar! Steht doch auf meiner Einladung!"
"Ganz schön bekloppt, das alles. Komme mir vor, wie im falschen Film!"
"Ja..."

Um es kurz zu machen: Ein paar liebe Freunde sind dann doch noch eingelaufen und ich bekam meinen Schampus. Na bitte, geht doch! Zweierlei sei noch erwähnt: Unsere überlebenswichtigen Schirme haben wir im Cafe vergessen. Und von Lindau nach Landsberg sind wir mit dem Auto gefahren. Bei offenen Fenstern und saulautem Punkrock. Endlich hatte es aufgehört zu regnen.

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