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Osten, Westen, Sex und andere Kleinigkeiten…
Sie hatte das Gefühl, dass der Schluck Milchkaffee in ihrem Mund nur noch bitter schmeckte. Es war ihr letzter Urlaubstag und sie wollte die Umgebung ihrer neuen Wohnung erkunden und traf plötzlich eine alte Jugendfreundin wieder. Elke machte mit ihrer Familie hier Urlaub und hatte sich zu einem Bummel durch die hiesige Geschäftswelt entschlossen. Spontan beschlossen beide einen Kaffee trinken zu gehen, um die alten Zeiten wieder aufleben zulassen und um zu erzählen, wie es ihnen in all den Jahren ergangen war.
Die Zeit verging wie im Fluge und man gab dem Kellner ein Zeichen, dass man zahlen wollte. Elke lächelte sie an: „Am letzten Wochenende vor Weihnachten bin ich in Hamburg zwecks einer Fortbildung. Sollten wir uns nicht treffen und zusammen essen gehen?“ Sie lächelte zurück: „Ich weiß etwas Besseres! Wir zwei gehen zu einem Konzert, so wie früher: Gute Musik, gute Stimmung, eine Band aus Berlin. Was ich früher gemocht habe, hat Dir ja auch immer zu gesagt. Wie wäre es?“ „Aus Berlin? West oder Ost?“ Erstaunt sieht sie ihr Gegenüber an. „Spielt das eine Rolle für dich?“ „Na, sicher. Oder liest Du keine Zeitungen? Die Leute aus dem Osten wählen falsch, sind arbeitslos, geldgierig, gewalttätig, unkulturell und der Grund dafür, dass es uns heute so schlecht geht!“
Die Zeit machte vor keinem Menschen halt und wohl auch nicht vor Elke. Vergessen waren die gemeinsamen Aktionen gegen Apartheid, Atomkraft und Tierversuche; vergessen war wohl, dass sie damals jede Art von Ungerechtigkeit auf die Straße trieb und dass es das Wort Vorurteil für sie nicht gegeben hatte. Sie holte tief Luft und versuchte nicht lauter zu sprechen, als sie es vorher getan hatte.
„Zum Einen: Die Menschen beider Seiten sind Opfer falscher Verheißungen geworden, weil man a) das Geld als Lösung für alles darstellte und b) weil die Politik davon ausgegangen war, dass die Zeit es richten würde und c) weil die Wiedervereinigung von einigen Politikern als Eigendarstellung missbraucht wurde und somit an den Menschen vorbei eingerichtet wurde. Im Übrigen gibt es überall schwarze Schafe und das ist wohl nicht vom Geburtsort abhängig. Um sich ein genaues Bild untereinander machen zu können, muss man miteinander reden und nicht, jeder für sich, die Welt des anderen durch die Presse erleben. Verurteilen ist einfacher als umzulernen. Nicht wahr, Elke?“ „Natürlich. Du siehst immer noch alles wie früher! Redest alles schön und glaubst an das Gute im Menschen. Aber glaube mir, der Osten hält, was er bis dito aufgezeigt hat. Da kommst Du auch noch dahinter!“
Ihre Sitzhaltung nahm eine distanzierende Stellung ein, denn sie empfand es als sehr bitter, dass auch Elke einer der Menschen war, die wollten, das nicht mehr das zusammenwuchs, was zusammen gehörte. Entsetzt wandte sie sich erneut an ihr Gegenüber:
„Also kein gemeinsamer Konzertbesuch im Dezember, Elke, weil die Band aus Ost-Berlin kommt?“ Sie konnte Abneigung in den Augen von Elke ausmachen. „Richtig! Und im Übrigen solltest du mal wieder einen Mann in deinem Leben zulassen und dich als Frau genießen. Dann bekommst du zu gewissen Dingen auch wieder die richtige Einstellung!“
Sie stutze. Wie kam Elke denn nun darauf? Interessant... wer in dieser Gesellschaft keinen Sex hat, füllt also auch automatisch die Nische, in der man der allgemeinen Norm nicht entspricht. Aber Respekt, Toleranz, Nähe, Vertrauen, Offenheit, Ehrlichkeit, Treue und Neugierde sind doch eigentlich die Voraussetzungen dafür, einen Menschen für sich als Freund zu gewinnen, aber auch einen Menschen, für sich lieben zu lernen und sich auch körperlich zu verbinden. Oder nicht? Ihr Gegenüber räusperte sich: „Also, es war ein nettes Gespräch, aber bei dem Seminar in Hamburg, werde ich eh nicht so viel Freizeit haben. Schauen wir mal, ich maile dir. Tschö!“
Sie zahlte, verließ das Cafe und ging langsam zu ihrem Wagen. Nachdenklich schnallte sie sich an. Ihr Leben war gut so wie es war, denn sie lebte lieber in einer Nische, wo sie menschlich, ehrlich und zuversichtlich sein konnte und sich nicht zu verleugnen brauchte. Sie war sich ganz sicher, dass die Musik beim Konzert in Hamburg genau die Sprache von Menschen war, die zusammengehörten und nicht erst zusammenwachsen mussten. Sie starte den Wagen, stellte die Musik laut und fuhr dem genormten Leben davon…
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