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Tanz mit mir
Marcel stand auf der kleinen Anhöhe und sah auf das Dorf im Tal hinab. Es war auf drei Seiten von steil aufragenden Bergketten umgeben, nur der Weg, auf dem er gerade stand, führte aus dem Tal hinaus und verband das Dorf mit anderen Ortschaften. Lediglich ein schmaler Pfad auf der gegenüberliegenden Seite des Dorfes führte noch ein Stück die Berge hinauf zu einer Burg, von der nur die Türme über die Wipfel der Bäume hinaus ragten. Marcels Blick glitt über die einfachen kleinen Hütten, die dicht gedrängt standen, als ob sie sich gegenseitig Halt geben wollten. Sie waren aus Stein gebaut, nichts Ungewöhnliches in diesem Tal, wo es mehr Felsen als Bäume gab.In der Mitte des Dorfes war ein Stück unbebaute Fläche aus festgetretenem hellbraunen Sand, die als Versammlungsort und für den Markt genutzt wurde. Heute fand ein Markt statt, und so war der Platz voller Stände und Wagen, an denen Waren angeboten wurden.
Marcel stand auf und atmete noch einmal tief durch, dann nahm er sein Bündel auf, das neben ihm lag. Darin trug er sein ganzes Hab und Gut. Er war Spielmann und zog seit Jahren durch die Gegend, von einer unstillbaren inneren Unruhe getrieben, die es ihm unmöglich machte, länger an einem Ort zu verweilen. Er hatte eine Laute bei sich, sorgfältig in seinen Umhang gehüllt, und eine kleine Holzflöte, die an einer Seite aus seinem Bündel ragte, damit er sie schnell greifen konnte. Heute Morgen hatte er von einer vorbeikommenden Frau zwei Eier, etwas Brot und zwei Äpfel für sein Flötenspiel bekommen. Sie hatte sich noch kurz mit ihm unterhalten und ihm gesagt, dass dieses Dorf Vaille hieß. Das Frühstück hatte ihm gut getan. Er löschte das kleine Feuer mit einer Handvoll Erde, dann wanderte er die Anhöhe hinab, auf das Dorf zu. Er passierte kniehohe, saftig grüne Wiesen, auf denen Schafe, Rinder und Ziegen weideten. Schließlich begannen Felder, auf denen das Getreide hoch stand und dessen langsam trocknende Ähren leise im Wind raschelten. Es war Spätsommer, die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel und brannte auf seinen Rücken, während er sein Bündel zurechtrückte. Marcel wanderte allein. Nicht, dass es ihm an Angeboten mangelte. Er war groß und schlank, hatte blonde Haare und meerblaue Augen. In jedem Ort gab es Frauen, die ihm zu Füßen lagen. Doch länger als eine Nacht konnten sie seine Sehnsucht nicht stillen.
Er erreichte das Dorf und ging langsam an den Häusern vorbei auf den Markt. Dort sah er die Frau wieder, die ihm am Morgen das Essen gegeben hatte, und nickte ihr freundlich zu. Am anderen Ende des Marktes war ein kleines Holzpodium aufgebaut worden. Ein kleiner Mann mit einer schiefen Nase stand gerade darauf und erzählte Geschichten von seinen Abenteuern in fremden Ländern, während ihn eine Gruppe von Kindern umringte, die seinen Erzählungen aufmerksam mit leuchtenden Augen folgte. Neben dem Podium sah er eine junge Frau mit langen schwarz gelockten Haaren, die ihm ein strahlendes Lächeln schenkte. Marcel lächelte zurück, vielleicht würde er diese Nacht mit ihr verbringen. Doch erst einmal wollte er sich umsehen. Er kam am Stand des Schmieds vorbei und bewunderte gerade ein kunstvoll gefertigtes Messer, dessen Griff eine Rose zierte, als am anderen Ende des Marktes Unruhe aufkam.
Marcel sah überrascht auf. Die Menge wogte hin und her, die Menschen drängten sich dicht an die Stände, um in der Mitte Platz zu schaffen. In der Ferne erschienen Reiter auf Pferden. Erst zwei Männer in dunkelgrünen Gewändern mit ernsten Mienen, die die Menschen energisch an den Rand trieben. Dahinter ritt ein älterer Mann mit selbstgefälligem Blick, dessen runder Bauch von Wohlstand zeugte. Er trug eine Hose aus dunkelblauem Samt und einen etwas helleren Umhang. Sein Pferd, ein edler dunkelbrauner Hengst mit einer weißen Blesse, tänzelte unruhig durch die schmale Gasse. Neben ihm hielt sich ein junger, schlanker, braunhaariger Mann auf einem Schimmelhengst. Auch er trug eine dunkelblaue Hose aus Samt, sein Umhang war jedoch schwarz. Er wirkte stolz und hochnäsig, wie er auf seinem Pferd saß und abfällig auf die Menschen um ihn herum hinab sah. Rücksichtslos trieb er sein Tier vorwärts und rempelte dabei die Menschen an, die nicht weiter zurückweichen konnten. „Wer ist das?“, fragte Marcel neugierig die junge Frau neben sich. Es war die schwarz gelockte Frau, die er zuvor schon neben dem Podium gesehn hatte. Sie war ihm gefolgt und hatte sich im Gedränge neben ihn geschoben. Nun sah sie ihn lächelnd aus graugrünen Augen an.
„Du kommst wohl nicht von hier?“, stellte sie geheimnisvoll lächelnd fest, „Der alte Mann ist Graf Stefan von Hohenstein. Der junge Mann neben ihm heisst Graf Henri von Feuerberg. Er ist sein zukünftiger Schwiegersohn, denn er heiratet in zwei Tagen die junge Dame dahinter, Myranda von Hohenstein, die Tochter von Graf Stefan.“Marcel sah wieder zu den Reitern hinüber, die langsam näher kamen. Erst jetzt bemerkte er die junge Frau, die den Männern auf einer kleinen Rappstute folgte. Sie trug ein langes dunkelblaues Samtkleid, das in der Sonne glänzte und beinahe lebendig schien. Ihre hellbraunen Haare liefen in leichten Wellen bis zu ihrer Taille hinab. Sie hatte den Blick gesenkt, doch ihre Haltung strahlte Würde und Stärke aus. Marcel hielt den Atem an. Sie war wunderschön. Plötzlich sah sie auf und ihre Blicke trafen sich. Sie hatte unergründliche blaugraugrüne Augen, ihr Blick war traurig. „Tanz mit mit!“, schoss es ihm auf einmal durch den Kopf und sein Blick wurde flehend.
Plötzlich stieß ihn jemand von der Seite. Unvorbereitet, wie er war, stürzte Marcel überrascht zu Boden. Verwirrt sah er auf. Einer der beiden Reiter in den grünen Gewändern hatte ihn angerempelt und sah ihn nun höhnisch von oben herab an. „Macht Platz für den Grafen!“, forderte er laut, bevor er sein Pferd wieder weiter trieb.
Am Boden sitzend, sah Marcel zu, wie die Reiter an ihm vorbei zogen. Die junge Frau sah ihn noch einmal mit ihren traurigen Augen an, dann war auch sie aus seinem Blickfeld verschwunden. Ihr folgten zwei weiter Männer mit grünen Gewändern, dann waren die Reiter vorbei und die Menschen verstreuten sich wieder. Die junge schwarz gelockte Frau reichte Marcel die Hand und half ihm auf. „Sie wirkte so traurig.“, murmelte Marcel, noch immer in Gedanken versunken. „Kein Wunder. Es ist eine arrangierte Hochzeit. Sie liebt den Grafen von Feuerberg nicht. Diese Bindung haben ihr Vater und Graf Henri untereinander ausgemacht.“ Als Marcel immer noch nachdenklich in die Richtung sah, in die die Reiter verschwunden waren, stieß ihm die junge Frau in die Seite. „Vergiss sie!“, sagte sie bestimmt, „Ich bin Esmeralda.“ Marcel sah sie an, in ihre graugrünen Augen. Dann nickte er. Er kaufte das Messer mit der Rose und folgte Esmeralda durch die Menge.
Myranda hielt sich hinter ihrem Vater und ihrem zukünftigen Ehemann. Sie sah schweigend zu, wie sich die beiden Männer ausgelassen unterhielten. Ihr Vater zeigte Graf Henri stolz seine Ländereien, darunter das Dorf Vaille, das die höchsten Erträge erzielte.
Missmutig ritt Myranda hinterher, dachte dabei an die bevorstehende Hochzeit. Schon lange hatte Graf Henri von Feuerberg um sie geworben. Er, der zweite Sohn des Grafen Sebastian von Feuerberg. Ein verwöhnter, selbstverliebter junger Mann, der mit jeder seiner Mägde schon das Bett geteilt hatte und ein unstillbares Verlangen nach jungen Frauen besaß. Er widerte sie an, und so hatte Myranda jeden seiner Anträge abgewiesen. Ihre Mutter hatte stets schützend hinter ihr gestanden, doch im Frühsommer war ihre Mutter gestorben und Graf Henri hatte seine Chance gewittert. Wochenlang hatte er ihren Vater umschmeichelt, ihm erklärt, wie vorteilhaft eine Verbindung der Grafschaften Hohenstein und Feuerberg doch wäre. Schließlich war ihr Vater einverstanden gewesen. Graf Henri würde die aufwendige Hochzeit bezahlen und der Grafschaft Hohenstein großzügige Geschenke machen. Im Gegenzug wurde er nach dem Tod von Graf Stefan der zukünftige Graf von Hohenstein. Verbittert dachte Myranda an diesen Handel, als sie das Dorf Vaille erreichten. Es war Markttag, und der Platz im Dorf war hoffnungslos überfüllt. Trotzdem trieben die Wachen die Menschen auseinander, setzten dafür ihre Pferde und Fußtritte ein. Myranda folgte stillschweigend, während ihr Vater dem Grafen Henri in großen Gesten das Dorf präsentierte. Plötzlich spürte sie einen Blick, der auf ihr ruhte, und sah auf. Ein blonder Mann starrte sie aus meerblauen Augen an. Er trug ein Bündel auf seinen Schultern, aus dessen einer Seite eine kleine Flöte heraus schaute.
„Ein Spielmann.“, dachte sie und wurde wehmütig. Wie sehr beneidete sie ihn in diesem Moment um seine Freiheit, dort hinzugehen wohin er wollte. Ihr stand es als Adelsfrau nicht zu, sich gegen die arrangierte Ehe aufzulehnen. Etwas in seinem Blick ließ sie nicht los, ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie sah, wie er mit der schwarz gelockten Frau neben sich am Stand des Schmieds sprach, als er von einem der Wächter zu Boden gestoßen wurde. Myrandas Herz machte einen Sprung. Unruhig näherte sie sich der Stelle, an der er eben noch gestanden hatte, suchte ihn nervös. War ihm etwas passiert? Dann fand sie ihn wieder. Er saß am Boden, sein Blick ruhte noch immer auf ihr. Sie sah ihm so lange wie möglich in die Augen, bevor er für immer in der Menge verschwand. Ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust. Wer war er gewesen?
Abends saß sie in ihrem Zimmer am Kamin, gleich neben ihrem Bett. Ihre Dienerin Beth brachte ihr gerade eine Suppe und verschwand wieder, um eine Bettpfanne mit heißen Kohlen zu holen.
Gleich nach der Rückkehr zur Burg hatte Myranda einen Schwächeanfall vorgetäuscht und war auf ihrem Zimmer verschwunden, um nicht mit ihrem Vater und Graf Henri speisen zu müssen. Schlimm genug, dass sie ihn in zwei Tagen heiraten musste. Doch seit Henri vor einer Woche für die Hochzeitsvorbereitungen auf die Burg Hohenstein gekommen war, stellte er ihr nach.
Seufzend lehnte sich Myranda in den Stuhl am Kamin zurück und sah in die lodernden Flammen. Sie hatte sich umgezogen und trug nun ein langes dunkelrotes Samtkleid. Das letzte Geschenk von ihrer Mutter vor deren Tod. Dazu hatte sie ihre Lieblingskette um: ein Amulett mit einer dunkelroten Rose. Sie hatte wieder den Spielmann vor Augen, seinen geheimnisvollen Blick, und fühlte, wie ihr Puls schneller ging.
Das Knarren der Holztür riss sie aus ihren Träumen. Jemand war in ihr Zimmer getreten. Wahrscheinlich Beth mit der Bettpfanne. Myranda wandte den Blick zur Tür. Dort stand Henri. „Ich wollte nur wissen, wie es meiner zukünftigen Braut geht.“, säuselte er und seine Augen starrten sie gierig an. Angewidert stellte Myranda die Suppe auf dem kleinen Tisch neben sich ab. „Besser, danke.“, gab sie steif zurück, „Aber ich möchte mich gerne zurückziehen. Würden Sie bitte mein Zimmer verlassen und Beth holen?“ „Aber warum denn so förmlich?“, Henri war näher gekommen, „Schließlich gehörst du in zwei Tagen mir!“ Myranda fröstelte bei diesen Worten. Sie erhob sich aus dem Stuhl und funkelte Henri an. „Wie Sie schon sagten, ist die Hochzeit erst in zwei Tagen. Wenn ich Sie also bitten dürfte, mein Zimmer zu verlassen.“ Dabei wies sie mit ausgestrecktem Arm auf die Tür. „Nein!“, erwiderte Henri bestimmt. Rasch griff er nach Myrandas ausgestrecktem Arm, zog sie zu sich heran und presste ihr die freie Hand auf den Mund, noch bevor Myranda wusste, was mit ihr geschah. Er stieß sie aufs Bett, drückte sie mit seinem Gewicht nach unten. „In zwei Tagen gehörst du mir sowieso.“, keuchte er an ihr Ohr, „Also kann ich mir jetzt schon holen, was ich will.“ Er küsste sie auf den Hals, sein heißer Atem ging stoßweise vor Verlangen.
Entsetzt wand sich Myranda in seinem Griff. Sie konnte nicht schreien, spürte, wie er gewaltsam versuchte, ihre Schenkel zu spreizen. Verzweifelt hob sie ihr Knie, rammte es ihm mit all ihrer Kraft in den Körper.
Henri schrie auf, sein Gesicht war schmerzverzerrt. Er ließ Myranda los, rutschte vom Bett und krümmte sich auf dem Boden, die Hände an seinen Schritt haltend. Voller Panik starrte ihn Myranda an. Sie hörte Schrei aus der Ferne. Rasch sprang sie vom Bett, rannte zur Tür und sah den Flur entlang. Rechts, von der Treppe zur großen Halle her, klangen Rufe und Schritte, die schnell näher kamen. Hinter ihr richtete sich Henri langsam unter Flüchen auf.
Myranda wandte sich nach links, bog sofort in den nächsten Gang ab, hastete an unzähligen Türen vorbei, die nächste Treppe hinunter und immer weiter, kopflos, bis sie schließlich im Stall stand.
Es war schon später Abend, die Pferde waren versorgt und die Stallburschen saßen in der großen Halle, in der gerade das Abendessen serviert wurde. Nur ein paar brennende Fackeln an den Wänden spendeten etwas Licht, warfen tanzende Schatten an die Steinmauern. Myranda stolperte durch den Stall, bis sie die Tür zur Box ihrer Stute fand. Rasch öffnete sie die Tür und griff nach einem Seil, das neben ihr auf dem Gang lag. Gekonnt band sie es ihrem Pferd um den Kopf und führte es aus der Box bis zur Stalltür, die auf den Hof der Burg führte. Sie lauschte. Es war inzwischen dunkle Nacht. Alles war still, offenbar waren die Wachen im Hof noch nicht von ihrem Verschwinden informiert worden. Myranda nahm ein paar Leinentücher, die zum Abreiben der Pferde dienten, und band sie ihrer Stute mit ein paar Stricken um die Hufe. Dann schlich sie mit dem Pferd über den Hof zur Mauer. Das Tor befand sich wenige Meter links von ihr. Die Mauer warf genug Schatten, um sie bis dorthin zu verbergen, doch das Tor selbst war mit Fackeln hell erleuchtet. Irgendwie musste Myranda unbemerkt dort vorbei kommen.
Das Herz schlug ihr bis zum Hals, während sie langsam näher kam. Da hörte sie plötzlich hinter sich die Alarmglocke der Burg. Das Signal rief alle Menschen dazu auf, sich in der großen Haupthalle zu versammeln. Myranda erschrak. Gleich würden die Wachen an ihr vorbei zur Haupthalle laufen. Sie durften sie nicht entdecken. Sie presste sich so gut es ging an die kalten Steine der Mauer und hielt den Atem an. Dann hörte sie schon die schweren Schritte der Männer. Sie stürmten auf sie zu...und an ihr vorbei zum Hauptgebäude. Erleichtert atmete Myranda auf. Sie wartete, bis die letzten Schritte verklungen waren, dann löste sie sich wieder von der Mauer, schlich weiter zum Tor. Nach einem letzten prüfenden Blick trat sie in das Licht der Fackeln, öffnete die kleine Holztür im Tor , schlüpfte mit ihrer Stute hindurch und schloss die Tür wieder hinter sich. Rasch glitt sie auf den Rücken ihres Pferdes. Zum Glück hatte sie als kleines Kind gelernt, ohne Sattel zu reiten, und so trieb sie ihre schwarze Stute geschickt an. Sie folgte dem hellen Sandweg, der zum Dorf Vaille führte, vorbei an den tiefschwarzen Wäldern, die den Pfad zu beiden Seiten säumten. Sie lauschte der Stille, bis sie weit hinter sich Geräusche hörte. Es konnten nur die Wachen sein, die auf den Weg ins Dorf waren, um sie zu suchen.
Myranda stieg vom Pferd und betrat den Wald, ihre Stute hinter sich her führend. Sie kämpfte sich an einigen bedrohlich aufragenden Bäumen vorbei und hockte sich dann abwartend hin. Um sie herum war tiefschwarze Nacht, nur der schmale Sandweg leuchtete im fahlen Mondlicht. Die Geräusche kamen näher, wurden deutlicher. Schließlich sprengten die Reiter im Galopp an ihr vorbei. Sie hatten das Fehlen ihrer Stute bemerkt und rechneten deshalb damit, dass sie nicht zu Fuß unterwegs war. Der Weg war der einzige, der von der Burg Hohenstein weg führte, und er lief ohne Abzweigung zum Dorf Vaille. Und durch die Wälder am Wegesrand kam man nur zu Fuß.
Myranda wartete noch eine ganze Weile in ihrem Versteck, bevor sie wieder den Pfad betrat. Grübelnd bestieg sie wieder ihre Stute. Sie wollte nicht auf ihr Pferd verzichten. Doch wie sollte sie entkommen, mit den Männern vor sich und der Burg in ihrem Rücken?
Marcel erwachte mitten in der Nacht und sah sich um. Er lag in einem kleinen Stall auf einem Haufen Stroh, neben ihm schlief Esmeralda. Er sah sie an, schmeckte noch ihre Küsse auf seinem Mund, sah ihre graugrünen Augen vor sich. Doch dann veränderten die Augen ihre Farbe, wurden zu traurigen blaugraugrünen Augen. Marcel stand auf, streckte sich kurz und nahm dann sein Bündel, um aus dem Stall zu schleichen. Draußen wehte ihm ein lauer Wind um die Nase. Marcel atmete die Nachtluft tief ein und aus, dann schlenderte er an den Häusern vorbei in Richtung Markt. Alles war still, kein Feuer brannte. Langsam passierte er die letzten Häuser und stieg wieder die kleine Anhöhe hinauf, auf der er am Morgen gestanden hatte. Dort ließ er sich nieder, starrte auf das Dorf, das friedlich da lag, und sah schließlich hinauf in die sternenklare Nacht. Er war unruhig und voller Sehnsucht. Plötzlich hörte er Geräusche und sah eine Gruppe Reiter, die den Pfad oberhalb des Dorfes von der Burg her entlang kamen. Sie hielten an einem kleinen Holzturm, in dem eine Glocke hing. Einer der Männer stieg von seinem Pferd und zog kräftig am Seil der Glocke. Das Signal zog über das Dorf und Marcel sah, wie in den Häusern nach und nach die Feuer aufflackerten und die Menschen vor die Tür traten.
Die Reiter ritten durch das Dorf, hielten an jedem Haus und sprachen mit den Bewohnern. Am Himmel kündigte sich bereits der Morgen mit einem grauen Streifen am Horizont an, als sich die Männer wieder in Bewegung setzten. Zwei Männer ritten wieder den schmalen Pfad hinauf zur Burg, der Rest folgte dem Weg aus dem Tal.
Marcel stand auf, als er die Männer auf sich zukommen sah. Der erste bemerkte ihn und gab seinen Begleitern das Zeichen zum Halt. „Habt Ihr eine junge Frau gesehen, mit langen braunen Haaren, wahrscheinlich auf einer schwarzen Stute? Sie ist die Tochter des Grafen Stefan von Hohenstein.“ Marcel schüttelte den Kopf. „Nein, eine solche Dame ist mir nicht begegnet.“, entgegnete er. Der Reiter rümpfte die Nase. „Wenn Sie euch doch begegnen sollte, bringt Sie hierher zurück!“ Marcel nickte. Der Mann stieß seinem Pferd die Hacken in die Seite. Der Hengst bäumte sich auf, stieß Marcel um und galoppierte los. Die anderen Reiter folgten. Marcel starrte ihnen hinterher. Myranda war also fort. Er sah wieder ihren traurigen Blick vor sich. Wo sie jetzt wohl sein mochte?
Myranda saß in einem Versteck am Rande des Waldes und starrte auf das Dorf. Die Männer hatten die Bewohner geweckt und ritten nun von Haus zu Haus, um nach ihrem Verbleib zu fragen. Ihr blieb nichts anderes übrig als zu warten. Suchend sah sie sich um. Das Dorf reichte auf dieser Seite bis an die steil aufragenden Felsen heran, ließ nur einen schmalen Spalt frei. Dort wollte sie sich vorbei schleichen. Das war ihre einzige Möglichkeit.
Sie wartete unruhig darauf, dass die Wachen endlich weiterzogen. Der Morgen dämmerte bereits, als endlich Bewegung in die Gruppe kam. Zwei Reiter ritten wieder den schmalen Weg zur Burg hinauf, um Bericht zu erstatten. Myranda duckte sich hinter einen Baum, als sie vorbei ritten und sah ihnen nach, bis sie verschwanden. Die anderen Männer folgten dem weg raus aus dem Tal. Sie sah, wie die Wachen auf eine Gestalt auf der kleinen Anhöhe zu ritten und stehen blieben. Langsam trat Myranda aus dem Wald hervor, ihre Stute hinter sich am Seil führend. Lautlos stieg sie den Pfad hinab, ohne die Männer auf der Anhöhe aus den Augen zu lassen, bis sie hinter den aufragenden Wänden des ersten Hauses verschwanden.
Sie stützte sich mit einer Hand an der Steinmauer des Hauses ab, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, während sie die Lücke zwischen Haus und Felswand passierte. An fünf Häusern schlich Myranda so vorbei, immer in der Angst, von den Bewohnern entdeckt zu werden, die im Morgengrauen anfingen, ihr Vieh zu versorgen und Essen zu machen. Dann erreichte sie die kleine Wiese, die sich im Osten an das Dorf anschloss. Hier waren ein paar mehr Meter Platz zwischen den Häusern und der Bergkette. Myranda sah sich rasch um, dann rannte sie über die Wiese zum ersten Haus. Vorsichtig sah sie an der Mauer vorbei zur Anhöhe. Die Männer ritten wieder los, weiter raus aus dem Tal. Nur eine Gestalt saß noch dort. Myranda sah sie an. Es war ein Mann mit blonden Haaren – der Spielmann. Ihr Herz machte einen Sprung. Kurz entschlossen bestieg sie ihr Pferd und galoppierte die Anhöhe hinauf, die von ein paar Bäumen gesäumt wurde.
Marcel sah überrascht auf, als eine Reiterin auf einem schwarzen Pferd vom Dorf her auf ihn zu galoppierte. Dann erkannte er sie: Myranda. Sie blieb vor ihm stehen und beugte sich hinab, ihren rechten Arm nach ihm ausgestreckt. Er sah ihr in die Augen. „Tanz mit mir.“, schoss es ihm durch den Kopf. Er griff nach ihrer Hand und sie half ihm wieder auf die Füße. „Wohin reist du?“, fragte Myranda ihn. „Wohin mich die Füße tragen.“, gab er zurück. Er sah auf ihr Amulett. Die Rose erinnerte ihn an das Messer vom Schmied, das er gestern gekauft hatte. „Darf ich mitkommen?“ Überrascht sah er sie an, ihre Augen. „Tanz mit mir.“, schienen sie zu sagen. Er konnte nur stumm nicken. Sie half ihm hinter sich aufs Pferd. Dann trabten sie los, bogen an der ersten Wiese vom Weg ab, um den Reitern zu entgehen, die Myranda suchten. Und während Marcel sich an ihren Rücken lehnte, die Arme um ihre Hüften geschlungen, spürte er, wie seine unstillbare Sehnsucht für immer verflog.
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