 |
| Am goldenen Rhein - jetzt überall erhältlich |
 |
|
 |
 |
| Community |
 |
Die Chance
Es war ein Tag wie jeder andere gewesen, grau und voller Wolken, mit viel Stress auf Arbeit und einem Chef, der alles daran setzte, sie zu schikanieren. Als endlich nach drei Überstunden der Feierabend anbrach, begann es in Strömen zu regnen. An einem Tag, an dem morgens die Sonne strahlend vom Himmel schien und für die nächsten drei Tage kein einziger Tropfen angesagt worden war, hatte sie natürlich keinen Schirm mitgenommen. Grummelnd stapfte sie durch die Pfützen. Ihre Kleidung war schon nach wenigen Minuten völlig durchnässt und sie hatte noch Einkäufe zu erledigen. Sie trat durch die Tür des Einkaufszentrums und ihre Stimmung sank auf den Tiefpunkt. Es war Freitag, 18 Uhr, und es schien, als hätten sich alle Menschen heute hier versammelt um einzukaufen. Langsam schob sie sich durch das Gedränge und fühlte sich dabei wie eine Ölsardine in der Dose. In der Ferne tauchte das Schild des Supermarktes auf, doch auch nach fünf Minuten des Schwimmens gegen den Strom war sie ihrem Ziel nicht wirklich näher gekommen. Seufzend gab sie ihren Kampf auf, ließ sich mittreiben, bis sie aus den Augenwinkeln ein kleines gemütliches Café sah, das sie einzuladen schien. Sie setzte sich an einen der Tische, bestellte einen Kaffee und sah den Menschenmassen zu, die kopflos vorbei hetzten. Aus dem Radio klang gedämpfte Musik, die sie wieder durchatmen ließ und sie dazu brachte, über den Stress zu lächeln, den sie sich selber machte.
"Wozu die ganze Hast nach Macht und Geld? Was soll ich sammeln hier auf dieser Welt wenn ich doch gehn muss, wenn mein Tag gekommen ist..."
Der Kaffee kam und sie nahm die Tasse in beide Hände, genoss die Wärme, die vom Porzellan ausströmte. Gedankenverloren nahm sie nur wahr, dass sich eine Gestalt aus der Masse löste, an ihr vorbei ging und am Tisch neben ihr Platz nahm. Das erste Lied verstummte und ein neues begann.
"What you don't know is that I lie awake wishing you were here tonight What you don't know is that I loved you long before we were alive"
Sie sah auf, bemerkte erst jetzt den Mann am Nachbartisch. Er war schlank, gut aussehend, mit dunkelblonden Haaren. Er bemerkte wohl ihren Blick, denn er wandte sich ihr zu. Ihr stockte der Atem. Da war etwas in seinem Blick, das sie nicht los ließ. Scheu schlug sie die Augen nieder, widmete sich wieder ganz ihrem Kaffee. Sie war erwachsen, wie konnte da so einfach und plötzlich ihr Verstand aussetzen? Verwirrt trank sie einen Schluck, wendete ihm mit gesenkten Augenlidern wieder den Blick zu. Er sah sie noch immer an, lächelte ihr sogar zu. Verwirrt sah sie auf. "Hat Sie der Regen überrascht oder ist das gewollt?" Sie sah ihn verblüfft an. Redete er etwa mit ihr. Offenbar, denn er deutete auf ihre nasse Kleidung. Sie strich sich eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht, während sie darüber nachdachte, ob seine Frage freundlich gemeint war. Doch sein Lächeln wirkte nicht höhnisch und er schien geduldig auf eine Antwort zu warten. Sie räusperte sich. "Ich habe ziemlich viel zu tun. Da dachte ich mir, dass ich Zeit sparen könnte, indem ich gleichzeitig dusche und meine Kleidung wasche." Er lachte laut und seine Augen leuchteten dabei. Ihr schossen ein paar Gedanken durch den Kopf und sie wurde rot. "Und was machst du nun mit deiner gewonnen Zeit?" Irritiert stellte sie fest, dass er vom Sie zum Du gewechselt war. Doch es störte sie nicht. Im Gegenteil, es sorgte für noch mehr erotische Fantasien in ihrem Kopf. Wie er wohl mit freiem Oberkörper aussah? Sie zwang ihre Gedanken rasch wieder zurück in kontrollierte Bahnen. Ein neues Lied begann.
"I'm going crazy with love for you baby. I'm going down like a stone in the sea"
"Ich weiß noch nicht.Was meinst du?" Ihre blaugraugrünen Augen blickten ihn fragend an. "Hhm!", er tat, als würde er nachdenken, doch sein Lächeln verriet, dass er schon längst eine Antwort wusste, "In ein Café gehen, einen Kaffee trinken und einfach mal die Seele baumeln lassen. Vielleicht ein nettes Gespräch führen..." Sein Blick veränderte sich, er nahm seine Tasse und stand auf. "Darf ich mich zu dir setzen?" Sie nickte stumm, sah zu, wie er ihr gegenüber Platz nahm. Ihre Knie berührten sich und sie fühlte ein Kribbeln, das ihren ganzen Körper durchfuhr. Sie war schon eine Weile allein. Ihrem Freund hatte es nicht gepasst, dass sie auch andere Hobbys, andere Freunde hatte. "Woran denkst du?", fragte er neugierig. "Daran, wie oft ich mich verbogen habe, um anderen gerecht zu werden." Er schüttelte entschieden den Kopf. "Es ist dein Leben. Du kannst nicht so leben, wie es andere von dir wollen. Das macht auf die Dauer keinen glücklich." Er machte eine Pause. "Man sollte sich selbst nie vergessen. In allem, was man tut." Er stellte seine Tasse ab und sah in ihre Augen. Ihre Finger berührten sich kurz und sie sah das Feuer in seinen Augen aufleuchten. Doch dann zog er seine Hand plötzlich zurück, räusperte sich. "Ich bin verheiratet.", gestand er. Sie erstarrte, ihr Lächeln gefror im Gesicht. Stumm griff sie nach ihrer Tasse, senkte ihren Blick auf die schwarze Flüssigkeit, während sie um Fassung rann. Als sie wieder aufsah, zwang sie sich zu einem Lächeln. "Danke für das nette Gespräch! Es hat mir gut getan." Zu ihrer Verwunderung wurde ihr bewusst, dass sie es ernst meinte. Sie rief die Bedienung, bezahlte und stürzte sich in die Menschenmenge. Er sah ihr nachdenklich hinterher. Abends zu Hause bat ihn seine Frau mit ernstem Gesicht um ein Gespräch. "Ich habe mich in einen anderen verliebt.", gestand sie ihm, "Ich möchte mich von dir scheiden lassen und werde noch heute ausziehen." Er fühlte sich, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. "Warum?", fragte er, "Wieso so plötzlich?" Sie sah ihn an. "Als ich ihn sah, war da ein Gefühl in mir, das ich schon lange nicht mehr kannte. Da war mir klar, dass ich dich nicht mehr liebe. Zumindest nicht mehr so wie früher. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, doch dafür kann ich nicht den Rest meines Lebens bei dir bleiben. Es würde mich nicht glücklich machen. Es würde uns nicht glücklich machen. Früher oder später wäre ich gegangen. Wenn nicht jetzt wegen ihm dann irgendwann wegen einem anderen." Ihr Blick wirkte traurig. "In eine intakte Beziehung kann man nicht eindringen. Wenn man jemanden ansieht und in sich fühlt, dass man diesen Menschen wirklich näher kennenlernen möchte, dass man Zeit mit ihm verbringen würde wenn man keine Beziehung hätte, wenn man mehr als eine Sekunde über ihn nachdenkt, sollte man seinem Herzen folgen. Denn in dem Moment ist die alte Beziehung schon längst verloren, hat man irgendwo einen falschen Schritt zu viel getan." "Was ist mit unseren Kindern?" Er schien so verzweifelt, seine Gedanken überschlugen sich. "Sie werden immer unsere Kinder bleiben." Sie umarmte ihn ein letztes Mal, "Aber ich muss meinem Herzen folgen. Ich möchte meine Chance nutzen und nicht irgendwann bereuen, es nicht gewagt zu haben." Dann ging sie und er stand allein im Wohnzimmer. Das Zufallen des Türschlosses nahm er kaum wahr. Am nächsten Freitag saß er im Café und starrte auf die Menschen, die vorbeiströmten. Er wartete in der Hoffnung, die Frau von letzter Woche zu finden. Die Frau mit den blaugraugrünen Augen, mit der er sich unterhalten hatte, die ein lange vergessenes Gefühl in ihm geweckt hatte. Er wusste nicht, dass sie am Montag gekündigt und gestern die Stadt verlassen hatte..
|
|
< Zurück zur Übersicht
|

|
 |
 |
| Community-links: |
 |
|