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In Extremo Live 2010
11.09.2010
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Das Sehnen


Sie saß nachdenklich auf der kleinen Bank am Fenster und starrte hinaus aus dem Fenster. Es regnete in Strömen und dicke schwarze Wolken zogen über den Himmel. Sie war allein zu Hause, ihr Mann war wie so oft unterwegs. Es tat ihr nicht gut, allein zu sein. Sie vermisste ihren Mann, dachte oft wehmütig an die Zeit, als er noch nicht so viel unterwegs gewesen war. Damals war sie so glücklich gewesen, so voller Lebensfreude und Zuversicht. Und jetzt?

Sie starrte auf den silbernen Ring an ihrem Finger. Zwanzig Jahre waren sie nun miteinander verheiratet, zwanzig lange Jahre, in denen sie gemeinsam durchs Leben gegangen waren. Sie hatten gute und schlechte Zeiten erlebt, die Geburt ihrer Kinder, den Tod geliebter Menschen, Geburtstage, Abschiede.

Sie dachte an den Tag ihrer Hochzeit zurück, an das Versprechen, das sie sich gegeben hatten. Damals, als er noch öfter zu Hause war, als ihn die Welt noch nicht kannte. Sie hatte das Versprechen ernst gemeint, wollte den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen. Doch dann kam der Erfolg. Immer seltener war er zu Hause, immer öfter war er auf Tour und sie allein. Wie oft hatten sie deswegen gestritten? Wie oft hatte sie ihn gebeten, wieder mehr Zeit mit ihr zu verbringen?

Doch er genoss sein neues Leben, seine Freiheit. Sagte, das wäre schon immer sein Traum gewesen. Doch es war nicht ihr Traum. Ihr zuliebe versuchte er, so viel Zeit wie möglich mit ihr zu verbringen, probte so kurz es ging, sagte Angebote ab. Doch es machte ihn nicht glücklich. Sie sah es an seinem Blick, sie merkte es an seinem Verhalten. Und das machte sie auch nicht glücklich.

Jahrelang hatten sie sich verbogen, Opfer gebracht. Doch hatte es einen von ihnen glücklich gemacht? Hatte es ihre Beziehung zueinander gestärkt?

Sie sah vom Fenster auf und starrte in den Spiegel gegenüber. Eine blasse Frau starrte ihr entgegen, ernst, mit dunklen Augenringen und traurigen Augen. Was war von ihrer Ehe übrig außer dem Ring an ihrer Hand? Die Kinder waren groß, ausgezogen. Ihr Mann war weiterhin unterwegs. Sie versuchten seit Jahren, ihre Ehe in die paar Wochen zu quetschen, in denen er zu Hause war. Doch sie konnte nicht mehr. Sie war nicht für dieses Leben geboren. Es fiel ihr immer schwerer, nach einsamen Wochen den Mann zu lieben, der durch die Tür kam. Ihre Gefühle für ihn aufleben zu lassen.
Sie sah wieder auf ihren Ring, dann fasste sie einen Entschluss. Sie konnte sich nicht mehr verbiegen, und sie wollte auch nicht mehr mit ansehen, wie er sich verbog. Denn all diese Opfer hatten sie im Laufe der Zeit zu sehr verändert, langsam und schleichend, aber unaufhaltsam.
Sie streifte den Ring ab und legte ihn auf den kleinen Beistelltisch. Sie fühlte, wie sie wieder Luft bekam. Sie würde einen neuen Menschen finden. Einen, der abends nach Hause kam. Und auch ihr Mann war nun frei für einen Menschen, der ihn als Reisenden kennen lernen und lieben würde. Mehr lieben, als sie es jetzt konnte. Denn er war inzwischen nicht mehr der Mann, dem sie das Versprechen gegeben hatte. Und sie nicht mehr dieselbe Frau.
Und in all die Wehmut über das Ende ihrer Ehe mischte sich ein lange unbekanntes Gefühl von Erleichterung und Freude.

Sie saß im Wohnzimmer auf der Couch und sah sich um. Ihr Mann war gerade auf Arbeit. Zum Glück! Sie erstarrte, sich des Satzes bewusst werdend, der gerade durch ihren Kopf gegangen war. Doch es stimmte.
Seufzend sah sie auf den Ring an ihrem Finger, der ihr immer mehr wie eine Fessel vorkam. Wie sehr sehnte sie sich nach Freiraum, nach der Möglichkeit, ihren eigenen Träumen nachgehen zu können. Doch ihr Mann hatte wahnsinnige Angst, die zu verlieren. Kontrollierte so jeden ihrer Schritte, versuchte ständig dabei zu sein, wenn die sich mit Freunden traf. Selbst einkaufen ging fast nur noch zu zweit. Der einzige Lichtblick waren die beiden Tage in der Woche, in der sie Zeitungen austrug. Sie genoss diese Zeit, die sie für sich hatte und saß an warmen Tagen noch einen Moment im Park auf einer Bank, um die Natur und Ruhe zu genießen. Doch diese Tage waren selten, zu selten.
Sie freute sich über jeden Tag, an dem ihr Mann Überstunden machen musste und sie so Zeit für sich hatte. Und wenn es nur eine Stunde war.
Je mehr sie versuchte Abstand zu gewinnen, desto mehr klammerte er. Je seltener sie ihm sagte, dass sie ihn liebte, desto häufiger sagte er es.
Liebte sie ihn überhaupt noch? Schon seit einiger Zeit stellte sie sich die Frage und suchte nach einer Antwort.
Wie sehr sehnte sie sich doch nach einem Mann, der nicht jeden Tag nach Hause kam. Der auf Montage war, auf einer Ölplattform arbeitete oder Tourneen hatte. Schon so lange hatte sie keinen freien Tag mehr gehabt, keinen Tag für sich und ihre Hobbys. Doch ihr Mann verstand nicht, dass ihr das fehlte. Dass er ihr die Luft zum Atmen nahm.

"Bist du noch glücklich?"

Sie sah überrascht vom Kaffee auf, an dem sie gerade nippte. Ihre Freundin saß ihr gegenüber, sah sie aufmerksam an. Sie saßen im Café, genossen die warmen Sonnenstrahlen und die Möglichkeit miteinander zu reden.

Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr ihre Freundin gleich fort:

"Ich bin überrascht, dass er dir das Treffen erlaubt hat.", die Ironie in ihrer Stimme war nicht zu überhören, "Und, wann musst du wieder zu Hause sein?"
Sie zuckte mit den Schultern.

"Ich bin gegangen, bevor er von der Arbeit kam und habe keine Zeit genannt."
"Na, dann warten wir mal ab, wann dein Handy anfängt zu klingeln!"
Statt zu antworten, senkte sie ihren Blick wieder auf den Kaffee, den sie mit einem Löffel umrührte. Es war nur eine Flucht vor einer Antwort, denn sie trank ihren Kaffee immer schwarz. Ihre Freundin wusste das, doch sie sah ihr stillschweigend zu. Eine der Eigenschaften, die sie so sehr an ihr schätzte. Sie respektierte die Grenzen der anderen.

"Nein, ich bin nicht glücklich! Schon lange nicht mehr." Sie war überrascht von ihrer eigenen Ehrlichkeit, doch es tat ihr gut. Seit Monaten verbog sie sich, spielte seiner und ihrer Familie eine heile Welt vor, heuchelte ihm gegenüber Glück und Zufriedenheit. Doch in ihr tobte ein Sturm.
Ihre Freundin griff nach ihrer Hand, drückte sie fest.

"Wenn dir danach ist, komm zu mir. Du kannst ein paar Tage bei mir wohnen."
Dankbar sah sie ihre Freundin an. Tränen schimmerten in ihren Augen.

Einen Tag später stand sie zu Hause im Wohnzimmer und sah sich um. Alles war liebevoll eingerichtet, doch zu perfekt. So wie ihre Beziehung. Es gab keine Ecken und Kanten. Er betete den Boden unter ihren Füßen an, hob sie auf einen Sockel, verzieh ihr jeden Fehler, wich jedem Streit aus. Doch sie wollte ihn nicht dominieren. Nicht nur, weil er dreizehn Jahre älter war als sie, sondern auch, weil sie eine gleichberechtigte Partnerschaft wollte. Einen Menschen, dem sie in die Augen sehen konnte und der nicht ständig vor ihr kniete. Der mit ihrem Temperament umgehen konnte. Der ihrem Dickschädel mit Sturheit gegenüber trat.

Ihr Blick glitt über die Möbel. Hier war sie nicht zu Hause. es war alles nur Fassade. Hier konnte sie nicht sie selbst sein. Kurzentschlossen griff sie nach ihrer Reisetasche und packte ein paar Klamotten ein. Sie würde dem Rat ihrer Freundin folgen und für ein paar Tage zu ihr ziehen.
Und endlich hatte sie auch eine Antwort auf ihre Frage. Sie liebte ihn nicht mehr.
Mit dieser Erkenntnis fühlte sie, wie die Last der letzten Monate von ihr abfiel. sie konnte endlich wieder atmen. Sie würde den Käfig verlassen, ihre Fesseln abstreifen. Endlich wieder sie selbst sein.

Und mit einem Lied auf den Lippen schloss sie die Wohnungstür hinter sich und ging ihrer Zukunft entgegen...

Ich tanze nur im Schatten
ich meide stets das Licht
so siehst du meine Freude
doch meine Tränen nicht.
Ich zeige dir die Maske
die du sehen sollst
bringe für dich Opfer
ich schlucke meinen Stolz.
Doch ich bin nicht glücklich
ich tu das nur für dich
damit du leben kannst
verändere ich mich.
Und mit verdrehten Körpern
sehen wir uns schließlich an
wir haben uns verloren
irgendwo, irgendwann

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