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In Extremo Live 2010
11.09.2010
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Ave Maria


22.30 Uhr: Nichts ist sicher. Nichts ist für immer. Was bringt es also, Pläne zu schmieden? Man weiß nie, was morgen kommt. Heute, wo ich zu Hause sitze und auf die Rückkehr meines Freundes warte, ist mir einmal mehr bewusst, wie zerbrechlich doch alles ist. Nie würde ich mir träumen lassen, dass auf seinen 15 Minuten Fußweg zur Arbeit, während der Arbeit in der Halle oder auf seinem 15-minütigen Rückweg etwas passieren könnte. Dass ihm etwas zustoßen würde. Lieber denke ich noch immer, auch nach fünfeinhalb Stunden Verspätung, noch an Überstunden. Daran, dass er bald zu Hause sein wird. Alles andere weigere ich mich zu akzeptieren. Alles andere passt im Moment nicht in meine Welt, nicht in meinen Glauben.

Der Fahrstuhl steht unbeweglich auf unserer Etage, so wie ich ihn vor einer Stunde verlassen habe, als ich vom Tanzen nach Hause kam. Als ich den Schlüssel ins Schloss steckte, erwartete ich die halbe Drehung, die mir anzeigen würde, dass mein Freund zu Hause ist. Doch es waren zweieinhalb Drehungen. Die Wohnung war dunkel und verlassen. Keine Arbeitssachen von ihm im Flur. Nun heißt es für mich warten. Warten, bis irgendetwas geschieht und mich aus diesem Stillstand reißt. Egal, was es ist.

23 Uhr: Ich habe alle Mails gelesen und beantwortet. Noch immer kein Lebenszeichen. Kein Anruf, keine Mail, kein Türklingeln. Nichts als gespenstische Stille. Ein Lied kommt in mir hoch: Ave Maria von In Extremo. Ich höre die Melodie, ich höre den Text und spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen. Denn dieses Lied ist für mich ein Todeslied. Schon vor viereinhalb Jahren hat mein Freund mir gesagt: „Wenn ich einmal sterbe, spiele bitte dieses Lied auf meiner Beerdigung.“ Es ist an dem Tag für mich zum Trauerlied geworden. Und das, obwohl es eines meiner Lieblingslieder war und auch immer bleiben wird. Auf den letzten beiden Konzerten, die ich seitdem besucht habe, wurde dieses Lied gespielt und ich höre es immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

An diesem Abend lässt mir das Lied keine Ruhe. Unaufhörlich spielt es in mir, wie eine unheilvolle Drohung, eine Vorahnung. So spät kam er noch nie nach Hause. Nicht, ohne sich zu melden.
Ich fange an, meine Short Stories fortzusetzen. Alles, nur um abgelenkt zu werden. Nur, um nicht weiter nachzudenken.

0.30 Uhr: Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. „Die Gier“ und „Melodie des Lebens“ haben einige Zeilen Zuwachs bekommen, aber mehr schaffe ich heute nicht mehr. Meine Gedanken kreisen zu sehr nur um die Stille um mich herum. Ich gehe zur Wohnungstür und schaue durch den Spion. Der Fahrstuhl hat sich nicht einmal bewegt. Er steht noch immer auf dieser Etage. Durch die Dunkelheit der Nacht auf dem Flur scheint das Licht der Kabine. Wie sehr wünsche ich mir in dem Moment, dass sich diese Tür endlich schließt. Dass der Fahrstuhl auf irgendeiner anderen Etage steht. Ich kann dieses künstliche Licht nicht mehr ertragen.

0.40 Uhr: Ich gehe ins Bett. Ich kann nicht mehr länger auf die Uhr starren und die Sekunden zählen. Irgendwann werde ich Gewissheit haben. Egal, ob er nun vor der Tür steht oder Jemand anderes. Doch die Zeit vergeht nicht schneller, wenn ich in der Wohnung auf und ab gehe. Unruhig wälze ich mich hin und her. An Schlaf ist nicht zu denken. Dann, endlich, das erlösende Geräusch. Die Fahrstuhltür schließt sich kurz vor ein Uhr. Während der Fahrstuhl nach unten fährt weiß ich, dass er nach Hause kommt. Und noch bevor sich die Türen auf unserer Etage wieder öffnen und er die Schlüssel ins Schloss steckt, bin ich tief und fest eingeschlafen

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