 |
| Am goldenen Rhein - jetzt überall erhältlich |
 |
|
 |
 |
| Community |
 |
Alle Jahre wieder
Donnerstag, Anfang Februar. Ich bin abends beim Tanzen. Es macht Spaß, aber ich bin froh, als ich doch endlich einmal aussetzen kann. Gemütlich lehne ich mich im Stuhl zurück und schließe einen Moment die Augen. Nur kurz, denn ich spüre einen Luftzug an meiner linken Schulter. Jemand hat sich neben mich gesetzt. Ich fühle einen fragenden Blick von der Seite.
Wohlwollend öffne ich ein Auge, wende meinen Kopf. „Du, was wünscht du dir zum Geburtstag?“ Zugegeben, ich bin verblüfft. In einer Woche ist mein Geburtstag, pünktlich am 12.02. So wie seit beinahe dreißig Jahren. Und doch scheint dieser Tag für meine Familie immer plötzlich und überraschend vor der Tür zu stehen. Nun also wieder. Noch immer ruhen die Augen auf mir.
„Meine Ruhe!“, schießt es mir durch den Kopf. Doch ich bin nicht unhöflich. Wie so oft in den letzten Jahren um diese Zeit erwacht in mir der Gedanke, einen Wunschzettel zu schreiben. Damit ich dann eine Idee habe, wenn Jemand fragt. Aber so, spontan? Mein Schulterzucken wird geknickt registriert. „Aber du denkst darüber nach, ja?“ Ein letztes hoffnungsvolles Funkeln in den Augen, dann habe ich wieder meine Ruhe. Wenigstens für eine Minute, dann spüre ich schon das nächste fragende Augenpaar. Seufzend beginne ich also das gleiche Spiel: Augen auf, ein Lächeln ins Gesicht gesetzt.
„Feierst du deinen Geburtstag?“ Ich grüble. Ein unwissendes Familienmitglied? Wie konnte das nur passieren? Seit ich denken kann werden nach dem achtzehnten Geburtstag nur noch besondere Tage gefeiert: 25. (viertel Jahrhundert), 30., 40. usw. Jemand, der nicht weiß, wie alt ich werde? Prüfend schaue ich noch einmal in das Gesicht mir gegenüber. Eindeutig meine „Mutter“. Zugegeben, bald bin ich dreißig. Aber NOCH nicht! „Nein, ich feiere nicht.“ Ein „Das müsstest du eigentlich wissen.“ verkneife ich mir. Mein aufgesetztes Lächeln erstarrt im Gesicht, bis sie fort ist. Dann endlich wieder Ruhe. Ich kann noch ein paar Minuten genießen, bevor das Lied zu Ende ist.
Mag sein, dass meine „Mutter“ gerne gefeiert hätte, mit der Familie geredet. Aber nicht dieses Jahr. Wenn ich an meinem Geburtstag mit einer Sackkarre durch den Schnee stapfe und Zeitungen austrage, will ich nicht nachmittags stundenlang in der Küche stehen, um Essen für hungrige Gäste zu machen. Zumal dieser Tag nicht mein Verdienst ist. Damit haben zwei andere Leute zu tun. Die können diesen Tag auch gerne feiern, aber bitte ohne mich.
Unbewusst rutsche ich damit wieder in das Kapitel Geschenke ab. Was ich mir wünsche? Nun, ein paar Gedanken gehen mir schon durch den Kopf. Aber meine „Mutter“ ist dafür nicht geeignet. Ein Tag im „Al Arabiata“ zum Beispiel, der Saunalandschaft des „blub“. Vielleicht in Verbindung mit dem Schwimmbad, damit ich mich endlich wieder die Reifenrutsche runter traue, falls es sie noch gibt. An meinem zwölften Geburtstag waren wir hier, und ich bin im Auffangbecken im Reifen hängen geblieben und beinahe ertrunken. Irgendwann will ich mich dieser Angst stellen. Aber nicht mit meiner „Mutter“. Ich möchte sie einfach nicht nackt sehen. Also weiter. Mal wieder in dem indischen Restaurant am Nöldnerplatz essen. Klein, versteckt, aber wahnsinnig lecker.
Im Gegensatz zu manch anderen indischen Restaurants, die sehr großzügig im Umgang mit Salz oder Chilis sind. Aber, ganz ehrlich, auch da würde ich eher mit meiner Schwester hingehen als mit meiner „Mutter“. Mit meiner Schwester kann ich reden. Sie ist vierzehn Jahre älter als ich und eine meiner engsten Vertrauten. Andere Dinge sind nicht erfüllbar. Einmal bei einem Konzert in der ersten Reihe stehen, zum Beispiel. Mal nicht in einem Wald hoch aufragender Köpfe stehen und nach der Bühne suchen, oder wie ein Fisch in der Brandung hin und her geschoben werden. Einfach einmal nur die Musik in Ruhe genießen, fernab des Tumults hinter mir.
Also, was bleibt? Das zweite Lied ist beinahe zu Ende: „Hotel California“. Ja, auch dazu kann man tanzen. Und ich weiß, bis zum Beginn des nächsten Liedes wird mir die Melodie im Ohr bleiben. „Warum nimmt er eigentlich als letztes Lied immer einen Ohrwurm?“, geht es mir durch den Kopf, während ich mich fürs nächste Lied aufstelle. Beinahe jeden Donnerstagabend fahren wir mit dem letzten gesungenen Lied auf den Lippen nach Hause. Da kommt mir plötzlich eine Idee und ein Lächeln huscht über mein Gesicht.
Bei der nächsten Gelegenheit tippe ich meiner „Mutter“ auf die Schulter. Sie schaut überrascht auf. „Schenk mir doch einfach einen Gutschein, damit ich mir mal eine neue CD kaufen kann.“, schlage ich vor. Ich höre förmlich den Stein, der ihr vom Herzen fällt. Sie lächelt mich glücklich an. Ich bin auch zufrieden. Endlich Ruhe! Und mit einem Lied auf den Lippen verabrede ich mich zum nächsten Tanz.
|
|
< Zurück zur Übersicht
|

|
 |
 |
| Community-links: |
 |
|